0Blatt 0 von 8 · Lageplan
Blatt 0 · Lageplan · Westmünsterland
Grenzland
Woher ich komme
Westmünsterland, an der niederländischen Grenze bei Borken
„De Appel fölt nich wied van’n Stamm." Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Die Karte
Auf der Karte
- Borken
- Kreisstadt des Kreises Borken. Stadtrechte seit 1226; von den acht Rundtürmen der alten Stadtbefestigung stehen noch fünf. Quelle: Stadt Borken, LWL.
- Die Grenze
- Der Kreis Borken hat rund 108 Kilometer gemeinsame Grenze mit den Niederlanden — die längste aller deutschen Kreise. Seit März 1995 gibt es dort keine Kontrollen mehr. Quelle: Kreis Borken, Kreisportrait.
- Bocholter Aa und Berkel
- Zwei kleine Flüsse prägen die Landschaft. Die Berkel fließt über die Grenze nach Zutphen, die Bocholter Aa zur Issel. Quelle: Kreis Borken.
- Wallhecken
- Aufgeworfene Erdwälle mit Hecken darauf, früher Weidegrenze und Brennholzquelle. Sie machen die Parklandschaft aus, die den Namen Westmünsterland trägt. Quelle: LWL, Kulturlandschaft.
- Pättkes
- Schmale, oft sandige Wirtschaftswege zwischen den Feldern. Auf ihnen kommt man mit dem Rad überall hin, ohne einer Straße zu folgen. Quelle: Münsterland Tourismus.
- Zwillbrocker Venn
- Moor direkt an der Grenze, in dem die nördlichste Flamingo-Kolonie Europas brütet — zusammen mit Lachmöwen. Quelle: Biologische Station Zwillbrock.
Flach, grün, von Wallhecken zerschnitten
Ich bin im Westmünsterland geboren, an der niederländischen Grenze bei Borken — in einer Gegend, die flach ist, grün und von Hecken in Kammern geteilt.
In der Landeskunde heißt das Parklandschaft: eine Kulturlandschaft, die Feldgehölze und Hecken in Kammern teilen. Wald gibt es wenig. Was den Blick bricht, hat jemand gepflanzt.
Die Hecken stehen dabei nicht einfach im Gras. Eine Wallhecke ist ein Erdwall mit Sträuchern obendrauf, und sie war zuerst ein Zaun: Sie hielt das Vieh auf der Weide, bevor es Stacheldraht gab. Angelegt wurden die meisten vor etwa hundertfünfzig Jahren.
Dazu lieferte so ein Wall Brennholz, Ruten und Früchte. „Wald des kleinen Mannes“ nennen ihn die Fachleute der Landwirtschaftskammer deshalb. Ein Zaun, der auch heizt — so etwas baut niemand aus Zierde.
Zwischen den Kammern laufen Pättkes, schmale Wirtschaftswege zwischen den Feldern: breit genug für ein Fuhrwerk, ein Rad, zwei Leute nebeneinander. Wer von Hof zu Hof will, nimmt nicht die Landstraße.
Zwei Flüsse, die nach Westen gehen
Die Flüsse hier fließen nicht zum Rhein. Sie gehen nach Westen, ins Nachbarland, und sie sind dabei älter als jede Grenze.
Die Bocholter Aa entspringt bei Velen, läuft durch Borken und Bocholt und wird bei Suderwick auf einem kurzen Stück selbst zur Staatsgrenze. Danach heißt sie Aa-strang und mündet bei Ulft in die Oude IJssel. An ihrer Mündung führt sie mehr Wasser als der Fluss, der sie aufnimmt.
Die Berkel entspringt bei Billerbeck, läuft nach Westen und erreicht niederländischen Boden. Ihr Ziel ist Zutphen: Dort mündet sie in die IJssel. Wer der Berkel folgt, verlässt das Land, ohne abzubiegen.
Bei Vreden liegt außerdem das Zwillbrocker Venn, ein Moor unmittelbar an der Grenze. Venn ist hier das gewöhnliche Wort für Moor; es steckt in Dutzenden Ortsnamen.
Borken selbst liegt an zwei dieser Läufe, der Borkener und der Bocholter Aa. Fünf von acht alten Rundtürmen sind übrig — kein Beiname, eine Stückzahl.
Die Grenze, die man mit dem Fahrrad überquert
Der Kreis Borken hat gut hundert Kilometer gemeinsame Grenze mit den Niederlanden. Sie läuft über die ganze Nordwestseite des Kreisgebiets.
Die Nachbargemeinde von Borken heißt Winterswijk und liegt im Nachbarland. Im Kreisgebiet ist das keine Auslandsverbindung, sondern eine Straße mit einem Schild in zwei Sprachen.
Seit dem Schengener Abkommen wird dort nicht mehr kontrolliert. Geblieben sind Rad- und Wanderwege, die ohne Schranke hinübergehen. Ein Schild wechselt die Sprache, der Asphalt wechselt die Farbe, und das war es.
Wie nah das geht, zeigen Suderwick und Dinxperlo: ein zusammengewachsener Ort, zwei Staaten, die Grenze mitten durch die Straße. Nach dem Krieg war dieselbe Nachbarschaft Schmuggelland — Kaffee, Tabak und Tee kamen über die Waldwege.
In der Region ist die Grenze eine Verwaltungsfrage, keine Wand. Einkaufen und Arbeiten auf der anderen Seite sind hier nichts Besonderes. Für die Wege heißt das: Sie hören nicht auf, sie gehen weiter.
Pättkes sind schmal. Ankommen kannst du auf ihnen genauso.
Platt kannte die Grenze nicht
Die Sprache hielt sich noch weniger an die Linie. Westmünsterländisch, Achterhoeks und Twents bildeten eine Schwellenzone: ein Übergangsgebiet zwischen zwei Sprachräumen.
Platt — das Niederdeutsche dieser Gegend — verstanden die Leute auf beiden Seiten, ohne Wörterbuch. Lebendig blieb dieser Austausch mindestens bis zum Ersten Weltkrieg. Erst die Hochsprachen beider Länder zogen die Grenze durch die Sprache nach.
Münsterländer Platt war bis Anfang des vorigen Jahrhunderts Alltagssprache; heute hörst du es vor allem bei der ältesten Generation. Gesammelt wird es trotzdem.
In Münster liegt ein westfälisches Sprichwortarchiv, begonnen mit den Zetteln eines pensionierten Lehrers aus dem westlichen Münsterland. Gewachsen ist es auf rund dreißigtausend Belege. Ich verstehe Platt, spreche es selbst aber kaum.
Einer dieser Sätze geht so: Dubbeld nait hölt biäter. Doppelt genäht hält besser. Vier Wörter, und darin steckt das erste Sicherungskonzept, von dem ich gehört habe.
Was davon geblieben ist
Ob eine Landschaft einen Menschen formt, kann ich nicht nachweisen. Drei Dinge aus dieser Gegend finde ich in meiner Arbeit aber wieder.
Erstens die schmalen Wege. Ein Pättken ist kein Mangel an Straße, sondern die passende Breite für den Zweck. So baue ich Programme: Sie sollen auf altem Gerät laufen, ohne Konto, ohne Anmeldung, ohne Netz. Was schmal ist, kommt überall durch.
Zweitens die Grenze. Hier ist sie eine Linie, die den Weg nicht unterbricht. Genau das erwarte ich von Software. Wer mit der Tastatur arbeitet, wer vorlesen lässt, wer große Schrift braucht: Der Weg soll weitergehen.
Drittens die Wallhecke. Zaun, Brennholz, Windschutz und Versteck in einem: Was noch trägt, wird hier nicht weggeworfen, sondern weiterverwendet. „Doppelt genäht hält besser“ gilt auch für Sicherungen, für Zwischenstände und für Geräte, die andere längst abgeschrieben haben.
Heute lebe ich im Westmünsterland.
Prüfen mit Plan habe ich nicht hier gelernt, sondern im ersten Arbeitsgang. Er beginnt in einer Werkstatt für Lastwagen und Busse, und ab dort steht auf jedem Blatt derselbe Satz: erst prüfen, dann freigeben.
Was daraus wurde, steht auf Blatt 10.