Betriebsanweisung

Betriebsanweisung

Social Media & Co – Gesellschaft des Schreckens

Warum ich keine Social-Media-Beiträge mehr erstelle – und keine mehr lese

Meine Position

Social Media ist für mich der Mörder der Demokratie und der Vernichter echten sozialen Verhaltens – jenes Verhaltens, das der Gesellschaft wohlwollend zugewandt ist, das zuhört, abwägt, verzeiht und den anderen als Menschen sieht und nicht als Profil, Gegner oder Reichweite.

Ich werde hier keine Studien, Quellen oder Belege anführen. Nicht, weil es sie nicht gäbe, sondern weil genau das der Mechanismus ist, den ich hinter mir lasse: Jede Aussage wird sofort in eine Diskussion gezogen, in der es nicht mehr um die Sache geht, sondern um Rechthaben, Widerspruch, Gegenbeleg, Empörung. Eine solche Diskussion wird der Sache nicht gerecht. Ich halte das daher schlicht als meinen Standpunkt fest. FAKT. PUNKT.

Illustration: Ein Parlamentsgebäude mit Kuppel und Säulen, durch das ein roter Riss läuft; ringsum schweben Smartphones mit bunten Beitragsbalken. Darunter in roter Schrift: „FAKT. PUNKT.“

Wer das anders sieht, darf das. Ich diskutiere es nur nicht mehr auf Plattformen, deren Geschäftsmodell davon lebt, dass wir uns streiten.

Und ich nenne hier bewusst keine einzige Plattform beim Namen – weder die schlechten noch die guten. Nicht, weil ich mich nicht traue, sondern weil es nicht um einen bestimmten Anbieter geht. Namen wechseln, Konzerne kaufen sich gegenseitig, morgen heißt der Dienst anders und übermorgen gibt es einen neuen. Das Prinzip bleibt dasselbe – und um das Prinzip geht es.

Was ich mit „Social Media“ meine – und was nicht

Das ist der wichtigste Abschnitt dieser Seite, denn hier wird oft alles in einen Topf geworfen.

Social Media im Sinne dieser Seite ist jede Plattform, die nach folgendem Muster funktioniert: Ein endloser Feed mit allem Möglichen – Urlaubsfotos neben Kriegsbildern neben Werbung neben Katzenvideos neben politischer Hetze. Ein Algorithmus entscheidet, was du siehst, und er entscheidet es nach einem einzigen Kriterium: Was hält dich am längsten auf der Plattform? Bezahlt wird das Ganze mit deiner Aufmerksamkeit, die an Werbekunden verkauft wird. Du bist nicht Nutzer, du bist Ware.

Kein Social Media in diesem Sinne sind Portale, die einem klaren Zweck dienen und sich auf ein Thema konzentrieren. Ein Fotoportal, auf dem Fotografen ihre Projekte vorstellen und sich fachlich austauschen. Ein Karriereportal, auf dem Stellen ausgeschrieben und Bewerbungen eingereicht werden. Ein Fachforum für Modellbau, Gartenbau, Programmierung, Oldtimer oder Astronomie. Eine Lernplattform für Schüler und Studierende. Ein Portal für Vereine, Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe oder Wissenschaft. Ein Ausschreibungsportal, eine Fachcommunity, ein Wettbewerbsportal, auf dem man Arbeiten einreicht und Rückmeldung von Menschen bekommt, die etwas vom Thema verstehen.

Solche Portale gibt es für praktisch jedes Thema, für jede Altersgruppe und jede Lebenslage – für Schüler, Auszubildende, Studierende, Berufstätige, Selbständige, Rentner, Hobbyisten, Ehrenamtliche. Und viele davon sind wirklich gut. Sie sind Werkzeuge, Bühnen und Treffpunkte für Menschen mit einem gemeinsamen Interesse. Sie gehören nicht auf die Löschliste. Sie gehören auf die Empfehlungsliste.

Und es gibt eine dritte Gruppe: Plattformen, die man als reine Technik nutzt – als Speicher für große Videos oder Bilder, die eine eigene Website nicht tragen könnte. Auch das ist kein Social Media, solange man dort nur ablegt und nicht lebt. Dazu weiter unten mehr.

Der Unterschied in einem Satz

Ein Portal bringt dich zu Menschen, die dein Thema teilen. Social Media bringt dein Thema zu einem Algorithmus, der es gegen alles andere ausspielt.

Illustration in zwei Hälften. Links, überschrieben „Social Media“: Bunte Beitragskarten stürzen durcheinander in einen Trichter mit Zahnrad. Rechts, überschrieben „Portal“: geordnete Reihen gleichartiger Kacheln, darunter eine gemeinsame Leiste mit einem Punkt, unter der drei Menschen nebeneinanderstehen.

Woran du den Unterschied erkennst

Nimm dein Handy, gehe alle installierten Apps durch und stelle dir bei jeder einzelnen diese Fragen:

  • Warum öffne ich diese App? Um etwas Bestimmtes zu tun – ein Projekt hochladen, eine Stelle suchen, eine Frage stellen, einen Beitrag lesen, den ich gesucht habe? Dann ist es ein Portal. Oder öffne ich sie, „um mal zu schauen“, ohne zu wissen, was ich sehen werde? Dann ist es Social Media.
  • Wie ist der Inhalt sortiert? Nach Thema, Rubrik, Datum, Suche – von mir gesteuert? Dann ist es ein Portal. Als endloser, gemischter Strom, den ein Algorithmus für mich zusammenstellt? Dann ist es Social Media.
  • Womit verdient der Anbieter sein Geld? Mit Mitgliedsbeiträgen, Gebühren, Aufträgen, einem konkreten Dienst? Dann bin ich Kunde. Mit Werbung, die zwischen die Inhalte geschoben wird, und mit meinen Daten? Dann bin ich das Produkt.
  • Wer ist dort? Menschen, die sich für dasselbe Thema interessieren wie ich – Fotografen, Arbeitgeber, Fachleute, Mitschüler, Vereinskollegen? Dann ist es ein Portal. „Alle“ – und damit auch jeder, der nur streiten, provozieren oder verkaufen will? Dann ist es Social Media.
  • Was passiert mit meinem Beitrag? Er bleibt auffindbar, sortiert, in seinem Zusammenhang, auch in Jahren noch? Dann ist es ein Portal. Er ist nach wenigen Stunden im Strom verschwunden und wird nie wieder gesehen? Dann ist es Social Media.
  • Wie fühle ich mich, wenn ich die App schließe? Ich habe etwas erledigt, gelernt oder gezeigt? Dann war es ein Portal. Ich habe Zeit verloren und bin gereizter als vorher? Dann war es Social Media.

Ein einziges klares „Social Media“ bei diesen Fragen reicht. Dann gehört die App weg.

Ich mache mir nichts vor: Manche Portale haben inzwischen Funktionen kopiert, die aus dem Social-Media-Baukasten stammen – Likes, Follower, „Für dich“-Vorschläge. Das ist bedauerlich, aber entscheidend ist der Kern: Steht das Thema im Mittelpunkt und bin ich Kunde, oder steht meine Aufmerksamkeit im Mittelpunkt und bin ich Ware? Das Fotoportal, auf dem ich Projekte vorstelle und Kritik von anderen Fotografen bekomme, bleibt ein Fotoportal, auch wenn es einen Herz-Button hat.

Was Social Media mit uns macht

Illustration: Links eine Sanduhr, deren Sand über einem Smartphone verrinnt. Rechts ein Mensch als Umriss; vor seinem Kopf hängt ein Smartphone wie ein Köder an einer roten Angelschnur mit Haken, umgeben von drei Ausrufezeichen.

Ein paar Beobachtungen, die ich an mir selbst und in meinem Umfeld gemacht habe – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit Anspruch auf Ehrlichkeit:

Die Aufmerksamkeit wird verkauft. Nicht die Plattform ist das Produkt, sondern ich. Jede Minute, die ich scrolle, ist eine Minute, die an Werbekunden verkauft wurde. Die Apps sind nicht dafür gebaut, mich zu informieren oder zu verbinden, sondern dafür, mich so lange wie möglich zu halten.

Der Algorithmus belohnt Wut. Was Empörung auslöst, wird geteilt. Was ausgewogen, leise oder differenziert ist, verschwindet. So entsteht ein verzerrtes Bild der Welt, in dem jeder Andersdenkende ein Extremist zu sein scheint und jedes Thema ein Kulturkampf.

Die Demokratie braucht Gespräche, keine Gefechte. Demokratie funktioniert nur, wenn Menschen mit unterschiedlichen Meinungen miteinander reden können, ohne sich zu hassen. Social Media macht aus Meinungsverschiedenheiten Lager, aus Lagern Feindbilder und aus Feindbildern Wahlergebnisse.

Das soziale Verhalten verkümmert. Wer gewohnt ist, Menschen mit einem Wisch wegzudrücken, zu blockieren oder anonym zu beleidigen, verlernt, wie man einem Nachbarn, Kollegen oder Fremden mit Wohlwollen begegnet. Die Hemmschwelle sinkt online – und man nimmt sie ins echte Leben mit.

Der Vergleich macht unglücklich. Inszenierte Urlaube, inszenierte Körper, inszenierte Erfolge. Jeder weiß, dass es Inszenierung ist – und trotzdem vergleicht sich jeder damit. Das Ergebnis ist Unzufriedenheit mit einem Leben, das eigentlich gut ist.

Die Zeit ist weg. Zwei, drei, vier Stunden am Tag. Das sind pro Jahr mehrere Wochen Lebenszeit, die niemand zurückbekommt und an die sich niemand erinnert.

Meine Empfehlung

Illustration: Bunte App-Symbole mit roten Benachrichtigungspunkten fallen in einen Papierkorb. Links ein rotes Kreuz mit dem Wort „SOFORT“, rechts ein grüner Haken mit den Worten „Portale bleiben“.

1. Lösche SOFORT alle Konten auf ALLEN Social-Media-Plattformen

Nicht deaktivieren. Nicht „pausieren“. Nicht „Ich schaue nur noch einmal die Woche rein“. Löschen. Ein deaktiviertes Konto ist eine offene Tür, und die Plattform weiß das. Sie wird dich per E-Mail zurücklocken, mit „Du hast neue Benachrichtigungen“ und „Deine Freunde vermissen dich“.

Vor dem Löschen: Fotos und Kontakte sichern, die dir wichtig sind. Die Anbieter sind gesetzlich verpflichtet, dir einen Export deiner Daten anzubieten. Der Export kann dauern – lösche erst, wenn er bei dir angekommen ist. Und: Im Export stehen Kontakte meist nur als Namen. Wen du behalten willst, den fragst du vorher nach Telefonnummer oder E-Mail-Adresse. Danach das Konto über die offizielle Löschfunktion entfernen – und die Wartefrist (oft zwei Wochen bis einen Monat) aussitzen, ohne dich erneut anzumelden, sonst ist die Löschung abgebrochen und du musst sie neu beantragen.

2. Lösche ALLE Social-Media-Apps auf ALLEN Endgeräten

Handy, Tablet, PC, Smartwatch, Fernseher, Auto-Infotainment. Überall, wo eine solche App installiert ist, wird sie sich melden. Solange sie installiert ist, wird der Daumen sie aus Gewohnheit öffnen – auch ohne Konto. Das Muskelgedächtnis muss verlernt werden, und das geht nur, wenn das Symbol weg ist. Lässt sich eine vorinstallierte App nicht löschen, schalte sie in den Einstellungen ab, soweit das Gerät es erlaubt.

Zusätzlich: Benachrichtigungen aller verbleibenden Apps prüfen und alles abschalten, was nicht von einem echten Menschen kommt, der dich persönlich erreichen will – oder von einem Portal, bei dem du ausdrücklich informiert werden möchtest, etwa über eine Antwort auf deine Frage oder eine Rückmeldung zu deiner Bewerbung.

3. Prüfe jede verbleibende App mit den Fragen von oben

Was als Portal besteht, darf bleiben. Was als Social Media entlarvt wird, geht. Bei Messengern gilt: Nachrichten an Menschen, die du kennst, sind in Ordnung. Sobald der Messenger einen „Status“, öffentliche „Kanäle“ oder algorithmisch sortierte „Entdecken“-Bereiche hat, schalte diese Funktionen ab oder nutze einen Messenger, der sie nicht hat.

4. Suche dir die richtigen Portale

Und jetzt der Teil, der meistens vergessen wird: Fülle die Lücke. Nicht mit nichts, sondern mit dem Richtigen.

Für jedes Interesse, jede Lebensphase und jedes Ziel gibt es Portale, die genau dafür gemacht sind:

  • Für Schüler und Auszubildende: Lernplattformen, Nachhilfe-Portale, Ausbildungsbörsen, Praktikumsportale, Portale für Schülerwettbewerbe in Naturwissenschaft, Sprache, Kunst und Musik sowie für Jugendforschungs- und Jugendmedienprojekte.
  • Für Studierende: Hochschulportale, Fachforen, Stipendien- und Auslandsportale, wissenschaftliche Netzwerke, Portale für studentische Wettbewerbe und Projekte.
  • Für Berufstätige und Jobsuchende: Karriereportale und Stellenbörsen, Portale von Kammern, Verbänden und Berufsgenossenschaften, Fachcommunities der eigenen Branche, Weiterbildungsportale, Fachkongresse und Messen.
  • Für Selbständige und Unternehmen: Ausschreibungs- und Vergabeportale, Branchenverzeichnisse, Fachverbände, Kooperationsplattformen, Handwerker- und Dienstleisterportale.
  • Für Fotografen und Kreative: Fotoportale und Fotocommunities, auf denen Projekte vorgestellt und fachlich besprochen werden, Wettbewerbsportale, Portfolio-Plattformen, Ausstellungsbörsen, Portale von Fotoclubs und Verbänden.
  • Für jedes Hobby: Fachforen und Communities für Modellbau, Garten, Kochen, Wandern, Radfahren, Oldtimer, Musik, Handarbeit, Astronomie, Angeln, Programmieren – nenne ein Thema, es gibt ein Portal dafür, oft seit Jahrzehnten, betrieben von Menschen, die das Thema lieben.
  • Für Ehrenamt und Engagement: Vereinsportale, Freiwilligenbörsen, Nachbarschaftshilfe, Spendenplattformen, Bürgerbeteiligungsportale von Städten und Gemeinden.
  • Für Wissen und Information: Nachrichtenseiten mit Redaktion, öffentlich-rechtliche Mediatheken, Fachzeitschriften, Enzyklopädien, Bibliothekskataloge, Podcasts mit direktem Abonnement.

Diese Portale sind nicht perfekt. Aber sie haben eines gemeinsam: Du gehst hin, weil du etwas willst – und du gehst wieder, wenn du es hast. Das ist gesund.

Aber ich brauche doch eine Bühne! – Beruf, Hobby und Content-Creator

Bis hierher könnte es klingen nach: Zieh dich zurück, zeig nichts mehr, verschwinde. Das ist ausdrücklich nicht gemeint.

Ich fotografiere leidenschaftlich gern. Und ich habe meine Bilder jahrelang über Social Media geteilt – weil es einfach war, weil alle da waren, weil es Herzen gab. Ich weiß also genau, wie es sich anfühlt, wenn jemand sagt: „Lösch das alles.“ Die erste Reaktion ist: Und wo zeige ich dann meine Arbeit?

Die Antwort ist nicht „nirgends“. Die Antwort ist: auf deiner eigenen Bühne – und auf den Bühnen, die für dein Thema gebaut wurden.

Man muss hier drei Arten der Nutzung sauber trennen, weil sie unterschiedliche Antworten brauchen.

Der Konsument

Wer Social Media nur nutzt, um zu scrollen, zu schauen, zu liken und gelegentlich zu kommentieren, verliert beim Ausstieg nichts. Gar nichts. Alles, was oben steht, gilt für ihn ohne Einschränkung: Konten löschen, Apps löschen, fertig.

Der Hobby-Creator

Wer fotografiert, malt, schreibt, musiziert, kocht, baut, restauriert, wandert, züchtet – und das zeigen möchte, hat ein berechtigtes Bedürfnis. Menschen wollen ihre Arbeit teilen. Das ist gesund, das ist sozial, das ist gut so.

Nur: Auf einer Social-Media-Plattform teilst du nicht. Du lieferst. Deine Bilder werden zwischen Werbung, Empörung und fremden Inhalten zerkleinert, drei Sekunden lang angeschaut, mit einem Herz bedacht und vergessen. Der Algorithmus entscheidet, ob überhaupt jemand sie sieht. Und wenn du morgen aufhörst zu liefern, bist du weg – deine Arbeit der letzten zehn Jahre liegt auf einem Server, der dir nicht gehört, in einem Format, das du nicht kontrollierst, unter Bedingungen, die sich jederzeit ändern.

Auf einem Fotoportal dagegen stellst du ein Projekt vor – mit Titel, Beschreibung, Serie, Technik. Wer es anschaut, hat es gesucht oder interessiert sich für das Thema. Wer kommentiert, fotografiert meist selbst. Die Rückmeldung ist fachlich, nicht reflexhaft. Und das Projekt ist in einem Jahr noch da, an derselben Stelle, im selben Zusammenhang.

Das Herz unter dem Bild im Feed ist keine Anerkennung. Es ist ein Reflex. Echte Anerkennung ist der Fotograf, der dir schreibt: „Die Serie vom Nebel über dem Feld – wie hast du die Belichtung hinbekommen?“ Oder der Mensch, der sagt: „Das Bild habe ich mir ausgedruckt und aufgehängt.“

Der berufliche Nutzer

Wer Kunden über Plattformen gewinnt, Aufträge über Netzwerke bekommt oder als Selbständiger sichtbar sein muss, hat ein echtes Argument – und ein echtes Risiko. Denn wer sein Geschäft auf fremdem Grund baut, ist Mieter, nicht Eigentümer. Reichweite, die dir eine Social-Media-Plattform schenkt, kann sie dir jederzeit wieder nehmen: durch eine Änderung des Algorithmus, eine Sperrung ohne Begründung, eine neue Gebühr oder das Verschwinden der Plattform selbst.

Ein Geschäft, das vom Wohlwollen eines Konzerns abhängt, ist kein Geschäft. Es ist eine Wette.

Karriereportale, Stellenbörsen, Ausschreibungsplattformen, Branchenverzeichnisse und Fachverbände sind etwas anderes. Dort bist du Kunde mit einem klaren Anliegen: eine Stelle finden, einen Auftrag gewinnen, gefunden werden. Diese Portale sind sinnvoll, für viele Berufe unverzichtbar, und sie funktionieren ohne Empörungsstrom. Nutze sie – und zwar als Werkzeug, nicht als Feed.

Die Aufforderung: Bau deine eigene Bühne – und nutze die richtigen

An alle, die etwas zu zeigen haben – ob als Hobby oder beruflich –, richte ich deshalb eine klare Aufforderung: Verzichtet nicht auf die Bühne. Verzichtet auf die geliehene Bühne des Algorithmus. Baut eure eigene und geht auf die Bühnen, die für euer Thema gebaut wurden.

Illustration in zwei Hälften. Links, überschrieben „Geliehene Bühne“: eine graue Figur auf einem Podest unter einem roten Vorhängeschloss, darunter verblassende Nullen, Einsen und Herzen. Rechts, überschrieben „Eigene Bühne“: eine Figur mit Kamera im Scheinwerferlicht, davor fünf Zuschauer.

Die eigene Website. Der wichtigste Schritt. Eine eigene Adresse, ein eigener Raum, deine Regeln. Eine Fotogalerie, ein Portfolio, eine Werkschau, ein Blog. Niemand blendet Werbung ein, niemand entscheidet über die Reihenfolge, nichts verschwindet. Und wer die Adresse kennt, findet dich – heute, in fünf Jahren, in zwanzig.

Der eigene Blog. Für alles, was mehr als drei Sätze braucht: Fotoreisen, Erfahrungsberichte, Anleitungen, Gedanken. Ein Blog gehört dir, wird von Suchmaschinen gefunden und veraltet nicht mit dem nächsten Plattform-Update.

Der Newsletter. Das direkteste Format überhaupt. Menschen geben dir freiwillig ihre E-Mail-Adresse, weil sie hören wollen, was du zu sagen hast. Kein Algorithmus dazwischen. Jede Nachricht kommt an. Fünfzig Leser, die deinen Newsletter öffnen, sind mehr wert als fünftausend Follower, die dein Bild nie zu sehen bekommen.

RSS-Feed. Ein unscheinbares, jahrzehntealtes Format, das genau das tut, was Social Media verspricht und nicht hält: Wer dich abonniert, bekommt jeden neuen Beitrag – chronologisch, ohne Auswahl durch Dritte.

Fachportale und Communities. Für dein Thema gibt es sie – siehe oben. Stelle dort deine Projekte vor, beteilige dich an Wettbewerben, beantworte Fragen von Anfängern, stelle eigene. Dort triffst du die Menschen, die verstehen, was du tust.

Der Podcast. Für alle, die lieber reden als schreiben. Über die eigene Website verbreitet, unabhängig von jeder Plattform.

Das gedruckte Format. Fotobuch, Kalender, Postkarten, Ausstellungsdruck, Vereinszeitschrift, Fachartikel. Ein Bild, das an einer Wand hängt, wird über Jahre angeschaut. Ein Bild im Feed wird über Sekunden übersprungen.

Die reale Bühne. Ausstellungen im Rathaus, in der Bücherei, im Café, in der Volkshochschule, beim Fotoclub, in der Sparkasse, beim Stadtfest. Vorträge, Workshops, Kurse. Vereine, Stammtische, Fotowalks. Hier begegnest du Menschen, die stehen bleiben, nachfragen und sich erinnern.

Direkte Wege für Kunden. Für den beruflichen Nutzer: die eigene Website mit Kontaktformular und Telefonnummer, Karriere- und Ausschreibungsportale, Branchenverzeichnisse, Kammern und Verbände, Empfehlungen zufriedener Kunden, persönliche Besuche, Fachmessen, gedruckte Unterlagen. Langsamer, ja. Aber jeder so gewonnene Kunde kennt dich – nicht dein Profil.

Plattformen als Infrastruktur nutzen – ohne ihr Feed zu werden

Es gibt einen Fall, den ich bewusst herausnehmen muss, weil er mich selbst betrifft: die Nutzung einer großen Plattform als reines Werkzeug – als Speicher und Abspielstation, nicht als Bühne und nicht als Feed.

Illustration: Links, überschrieben „Lager“, drei Serverschränke; ein Pfeil führt nach rechts zu „Eigene Website“, einem Browserfenster mit eingebettetem Video. Darunter links ein Schalter mit den Worten „Werkzeug: du benutzt es“, rechts eine Falle mit den Worten „Falle: es benutzt dich“.

Große Videos sind das beste Beispiel. Ein einziges Video in guter Qualität ist schnell mehrere Gigabyte groß. Wer das auf der eigenen Website ablegt, sprengt in kürzester Zeit jeden Speicherplatz und jedes Datenvolumen, das ein normales Hosting-Paket bietet, macht die eigene Seite langsam, verursacht Ladeprobleme bei den Besuchern und zahlt am Ende für Serverleistung, die ein Videoportal kostenlos und technisch perfekt bereitstellt: automatische Umwandlung in alle Auflösungen, Anpassung an die Verbindung des Zuschauers, weltweite Verteilung, Abspielen auf jedem Gerät. Das kann niemand allein nachbauen, und niemand muss es.

Für solche Fälle ist es vollkommen in Ordnung, ein Videoportal – oder ebenso einen Bildspeicher, einen Cloud-Speicher, ein Podcast-Hosting – als Infrastruktur zu nutzen. Entscheidend ist, wie man es nutzt:

Die Plattform ist das Lager, die eigene Website ist die Bühne. Das Video liegt auf der Plattform, aber vorgestellt wird es auf der eigenen Seite – eingebettet, mit eigenem Titel, eigener Beschreibung, im Zusammenhang des eigenen Projekts. Wer das Video sieht, ist bei dir, nicht im Feed. Ehrlich gehört dazu: Ein eingebetteter Player bleibt ein Stück der Plattform. Er lädt von ihrem Server, sie erfährt also schon beim Aufruf deiner Seite, dass jemand da ist, und am Ende kann er weitere Videos vorschlagen. Wer das nicht will, zeigt zuerst ein eigenes Vorschaubild und lädt den Player erst, wenn jemand ihn ausdrücklich startet.

Kein Kanal-Aufbau, kein Feed-Spiel. Keine Jagd nach Abonnenten, keine Optimierung auf den Algorithmus, keine Vorschaubilder mit aufgerissenen Augen, kein „Bitte liken und abonnieren“. Das Video wird hochgeladen, damit es abrufbar ist. Punkt.

Kommentare aus, Empfehlungen aus, Benachrichtigungen aus. Alles, was die Plattform tut, um dich oder deine Zuschauer im Strom zu halten, wird abgeschaltet, soweit es geht. Wo es nicht geht, gilt: einbetten und nicht selbst auf der Plattform herumlaufen.

Das Original bleibt bei dir. Jedes Video, jedes Bild liegt zusätzlich auf deiner eigenen Festplatte und in deiner eigenen Sicherung. Die Plattform ist ein Abspielgerät, kein Archiv. Wenn sie morgen die Regeln ändert oder dein Konto sperrt, verlierst du eine Einbettung – nicht deine Arbeit.

Hinschauen nur zum Arbeiten. Die Plattform wird geöffnet, um hochzuladen, zu verwalten oder einen Link zu kopieren. Danach wird sie geschlossen. Wer sie öffnet, „um mal zu schauen, was es Neues gibt“, ist wieder im Feed – und genau da wollten wir nicht mehr hin.

Man kann einem Konzern seine Rechenzentren abnehmen, ohne ihm seine Aufmerksamkeit zu geben. Das ist der Unterschied zwischen Werkzeug und Falle: Das Werkzeug benutzt du. Die Falle benutzt dich.

Was sich dadurch ändert

Die Reichweite wird kleiner. Das muss man ehrlich sagen. Statt tausend flüchtigen Blicken gibt es vielleicht hundert aufmerksame. Das fühlt sich zunächst wie ein Verlust an.

Es ist das Gegenteil. Denn erst dann merkt man, dass die tausend Blicke nie da waren. Es waren Zahlen. Die hundert Menschen aber, die deine Website besuchen, deinen Newsletter lesen, dein Projekt im Fotoportal kommentieren, zu deiner Ausstellung kommen – die sind wirklich da. Sie schreiben dir. Sie kommen wieder. Sie bringen andere mit.

Und vor allem: Was du dort aufbaust, gehört dir oder liegt an einem Ort, der für dein Thema gemacht ist – das Original aber bleibt immer bei dir. Es kann dir nicht weggenommen, nicht gesperrt, nicht unsichtbar gemacht werden.

Das ist keine kleinere Bühne. Das ist eine eigene.

Ein Social-Media-freies Leben – was sich verändert

Ich verspreche kein Paradies. Ein Ausstieg hat Folgen, gute wie unbequeme. Wer sie vorher kennt, hält durch.

Illustration in zwei Hälften. Links, überschrieben „Was du gewinnst“: Sonne, Uhr und ein Mensch mit Buch unter einem Baum. Rechts, überschrieben „Was unbequem wird“: Regenwolke, Kalender und ein Mensch, dessen Verbindungen zu zwei anderen mit roten Kreuzen unterbrochen sind.

Was sich positiv auswirkt

Zeit. Plötzlich sind da täglich zwei, drei Stunden, die vorher verschwunden sind. Zeit für Bücher, Projekte, Sport, Handwerk, Schlaf – oder einfach fürs Nichtstun, das kein schlechtes Gewissen erzeugt.

Ruhe im Kopf. Kein ständiges Vibrieren, kein Impuls, „mal eben nachzuschauen“. Die Aufmerksamkeitsspanne wächst innerhalb weniger Wochen spürbar. Man kann wieder einen langen Text lesen oder einen Gedanken zu Ende denken.

Weniger Wut, weniger Angst. Die Welt ist nicht so schlimm, wie der Feed sie zeichnet. Ohne die tägliche Empörungsdosis wird man gelassener, freundlicher und deutlich weniger zynisch.

Echte Beziehungen. Statt Hunderten „Freunden“ bleiben die zehn, die anrufen, vorbeikommen oder eine echte Nachricht schreiben. Diese Beziehungen werden tiefer, weil sie Aufmerksamkeit bekommen, die vorher zersplittert war.

Bessere Gemeinschaften. Wer statt im allgemeinen Feed in einem Fachportal unterwegs ist, trifft Menschen mit demselben Interesse. Der Ton ist anders, das Niveau ist anders, die Hilfsbereitschaft ist anders. Man gehört zu etwas – statt allem zuzusehen.

Besserer Schlaf. Kein Scrollen im Bett, kein blaues Licht bis Mitternacht, keine Aufregung kurz vor dem Einschlafen.

Eigene Meinung. Wer nicht mehr täglich hört, was „alle“ denken, fängt an, selbst zu denken. Man liest Quellen statt Schlagzeilen, Bücher statt Kommentarspalten, und merkt, wie viel man vorher ungeprüft übernommen hat.

Datenschutz. Kein Konzern weiß mehr, wann du aufstehst, wo du bist, was du kaufst, wen du magst und was dich wütend macht. Das ist kein abstrakter Wert, sondern konkrete Freiheit.

Selbstwert ohne Zähler. Kein Vergleich, keine Likes, keine Follower-Zahl. Man ist wieder ein Mensch, der etwas tut – nicht ein Profil, das bewertet wird.

Geld. Weniger Werbung heißt weniger Impulskäufe. Und Zeit, die man nicht mit Scrollen verbringt, kann man produktiv oder erholsam nutzen.

Was sich negativ oder unbequem auswirkt

Man bekommt weniger mit. Geburtstage, Umzüge, Neuigkeiten aus dem weiteren Bekanntenkreis kommen nicht mehr automatisch an. Man muss aktiv fragen, anrufen, sich verabreden. Das ist Arbeit – aber es ist auch genau das soziale Verhalten, um das es hier geht.

Manche Menschen verschwinden. Kontakte, die nur über die Plattform bestanden, lösen sich auf. Das tut anfangs weh. Nach ein paar Monaten merkt man: Es waren keine Beziehungen, es waren Einträge in einer Liste.

Entzug. Die ersten zwei bis drei Wochen sind unangenehm. Der Griff zum Handy bleibt, das Gefühl, „etwas zu verpassen“, ist real. Es geht vorbei, aber man muss es aushalten.

Der Aufbau dauert. Eine eigene Website, ein Newsletter, ein Platz in einer Fachcommunity – das entsteht nicht an einem Abend. Die Social-Media-Plattform hat dir in fünf Minuten ein Profil und in fünf Tagen hundert Follower gegeben. Die eigene Bühne braucht Monate. Sie hält dafür Jahre.

Unverständnis im Umfeld. „Du bist da nicht mehr? Wie soll ich dir denn dann Fotos zeigen?“ Man wird erklären müssen. Immer wieder. Diese Seite ist meine Antwort darauf.

Informationslücken bei lokalen Themen. Vereine, Schulen, Nachbarschaften organisieren sich zunehmend über Gruppen auf Social-Media-Plattformen. Hier hilft nur: den Verantwortlichen sagen, dass man per E-Mail, Aushang oder über ein Vereinsportal informiert werden möchte – und damit leben, dass es manchmal nicht klappt.

Manche Stellen zwingen zur Anmeldung. Einige Behörden, Firmen und Veranstalter kommunizieren nur noch über Social Media. Das ist ein Ärgernis – und ein Grund, dort nachzufragen und Druck zu machen, statt nachzugeben.

Fazit

Ich lebe seit meinem Ausstieg nicht in einer Höhle. Ich habe eine Website und eine E-Mail-Adresse. Meine Fotos zeige ich dort, wo Fotografen sind. Wenn ich Videos zeige, liegen sie auf einer Plattform, die sie technisch besser ausliefert, als ich es je könnte – gezeigt werden sie auf meiner Seite. Beruflich bin ich dort, wo Aufträge und Fachleute sind. Wer mich erreichen will, kann das – nur eben persönlich, direkt und ohne dass ein Konzern dazwischensitzt, der aus unserem Kontakt Geld macht.

Wer diesen Text bis hierher gelesen hat, hat bereits bewiesen, dass er länger als fünfzehn Sekunden bei einer Sache bleiben kann. Das ist mehr, als die meisten Feeds noch zulassen. Mach damit etwas.

Lösche die Konten. Lösche die Apps. Such dir die Portale, die zu dir passen. Bau deine eigene Bühne. Und dann geh raus und rede mit einem Menschen.

Illustration: Zwei Menschen stehen an einem Tisch mit zwei Tassen und einem abgelegten Smartphone und unterhalten sich, über ihnen Sprechblasen. Darunter die Schrift „Geh raus und rede mit einem Menschen.“